ÖPNV – gesamtes Interview

26. Januar 2021

Ein Jahr ist vergangen, seitdem Du die Petition ins Leben gerufen hast. Die Unterstützung war ja überwältigend. Was ist seitdem passiert?

Ja, in der Tat haben sich in der kurzen Zeit knapp 1300 Unterstützer gefunden. Das ist eine große Zahl, wenn man bedenkt, dass die Petition in erster Linie nur die drei Gemeinden Klein-Winternheim, Ober-Olm und Essenheim betrifft.

Ich kann sagen, dass wir mit der Initiative durchaus erfolgreich waren und sind. So konnte ich auf diesem Weg in den direkten Austausch mit den Planungsverantwortlichen beim RNN gehen und Vorschläge auf Detailebene einbringen. Diese wurden zum größten Teil auch berücksichtigt.

Im Ergebnis kann ich nun sagen, dass das Ziel der Petition, für die drei Gemeinden ein mit Zornheim vergleichbares ÖPNV-Angebot zu bekommen, ab April 2022 etwa zu 85% erreicht sein wird. Zornheim ist Referenz, da die Gemeinde ebenfalls in der VG Nieder-Olm liegt, aber bereits seit über 50 Jahren an das Stadtbusnetz der MVG angebunden ist. Die Versorgung dort liegt seit jeher auf dem Niveau der Mainzer Stadtteile.

Das sind ja wirklich gute Nachrichten! Was genau bedeutet das nun für Klein-Winternheim ab April 2022? Welche Linien werden hier künftig verkehren?

Der RNN befindet sich seit 2 Jahren ohnehin in einer kompletten Neuplanung des Angebotes. Daher wurden bereits die konkreten und detaillierten Fahrpläne für alle Linien erstellt. Auf dieser Basis konnte ich für jede Haltestelle im Ortsgebiet die Fahrzeiten der einzelnen Linien, die sogenannten „Aushangfahrpläne“ herausarbeiten und identifizieren, zu welchen Zeiten das Angebot attraktiv ist und wo es noch Versorgungslücken gibt.

In Klein-Winternheim wird es künftig 4 Buslinien geben:

  • Die Linien 54 und 55 betreibt, wie heute auch, die Mainzer Mobilität. Sie verbinden die Innenstadt, Universität und Hochschule, Stadion, Lerchenberg und Drais. Die Linie 55 ist zudem die Einzige, die das Gewerbegebiet anfährt. Sie endet künftig am Klein-Winternheimer Bahnhof.
  • Die künftige Linie 650 entspricht hier der heutigen 652. Sie kommt aus Richtung Nieder-Olm und verbindet den Mainzer Hauptbahnhof, wie heute auch, über die A63, Pariser Tor und Universitätsmedizin.
  • Die neue Linie 653 kommt von Nieder-Olm über Essenheim und Ober-Olm zum Klein-Winternheimer Bahnhof, Elxlebener Platz, Quellborn und Hechtsheimer Berg und übernimmt damit diesen Teil der heutigen Linie 55. Danach führt sie über die A63, Pariser Tor, Gautor direkt zu Schillerplatz, Münsterplatz und Hauptbahnhof.

Diese Linie wird damit für Klein-Winternheimer besonders komfortabel, da sie die Gemeinde über den schnellstmöglichen Weg direkt mit der Innenstadt/Altstadt verbindet. Mit dem Auto wäre keine schnellere Verbindung möglich, da die Gaustraße stadteinwärts von PKW nicht befahren werden darf und die Parkplatzsuche noch hinzukäme.

Diese Streckenführung basiert auf unserem Vorschlag und ich bin sehr froh, dass er aufgegriffen und in der Planung umgesetzt wurde.

Klein-Winternheim hätte damit dann künftig schnelle Direktverbindungen zu allen wichtigen Zielen: Hauptbahnhof, Innenstadt/Altstadt, Krankenhäuser, Universität/Hochschule, Stadion, sowie Nieder-Olm, Ober-Olm und Essenheim.

Super, doch wie sieht es mit der Taktung aus, insbesondere in den Randzeiten und am Wochenende. Das ist ja bisher einer der größten Schwachpunkte.

Auch hier gibt es gute Neuigkeiten:

  • Werktags zu den Hauptverkehrszeiten werden fast alle Klein-Winternheimer Haltestellen, gerade auch der bislang vernachlässigte Quellborn und Hechstheimer Berg, durch die vier Linien mit bis zu 6 Fahrten pro Richtung und Stunde angefahren. Zwischen 7 und 8 Uhr sind es aktuell sogar 8 Fahrten. Das ist perfekt.
  • Samstags wird es zwischen 7 und 24 Uhr einen durchgängigen 30-Minuten-Takt für alle Ortsbereiche geben, stadtauswärts sogar bis 1 Uhr. Zusätzlich fährt die Linie 653 freitags und samstags stadtauswärts auch um 1:30 Uhr und um 3:00 Uhr, praktischerweise auch über Schillerplatz. Shopping und Ausgehen mit dem ÖPNV wird für Klein-Winternheimer somit künftig eine echte und zuverlässige Alternative — ohne Parkplatzsuche und — mit dem ein oder anderen Schoppen mehr — sogar die bessere. 
  • An Sonntagen ist zwischen 8 und 24 Uhr, stadtauswärts bis 0:30 Uhr, ein Wechsel zwischen 30- und 60-Minuten-Takt geplant, also 3 Fahrten in jeweils 2 Stunden pro Richtung. Auch hier wird die Altstadt angebunden, so dass z.B. auch Theater oder Konzerte bequem besucht werden können, ohne befürchten zu müssen, dass man den letzten Bus verpasst oder zu lange auf den nächsten warten muss.

Wenn man bedenkt, dass heute z.B. an Sonntagen gerade einmal in Summe 5 Busse durch Klein-Winternheim fahren, dann ist die Planung mit künftig 24 Fahrten pro Richtung bis spät in die Nacht ein völlig neues Niveau. 

Gerade bei der Detailplanung einzelner Fahrten konnte ich mich einbringen. So wurde z.B. an Werktagen eine zusätzliche Fahrt in Richtung Mainz mit Ankunft vor 5:30 ergänzt, damit beispielsweise der Schichtwechsel in den Krankenhäusern oder eine frühere S-Bahn erreicht werden können.

Bist Du nun mit der Taktung komplett zufrieden?

Wir bewegen uns nun auf dem Niveau des Mainzer Stadtgebietes und wir diskutieren jetzt noch über einzelne Fahrten:

Ich sehe die Notwendigkeit für werktags mindestens noch eine Fahrt vor 5 Uhr in Richtung Mainz und 2 Fahrten vor 6 Uhr in Richtung Nieder-Olm. 

An Wochenenden kann der Schichtdienst mit dem ÖPNV noch nicht erreicht werden, da der Betrieb samstags erst um 6 Uhr, sonntags erst zwischen 8 und 9 Uhr beginnt. Hier werden definitiv noch Frühfahrten benötigt. Die Mainzer Mobilität hat beispielsweise zum Vergleich in den Nächten von Freitag auf Samstag und von Samstag auf Sonntag einen durchgängigen Betrieb ohne Pause.

Die Verantwortlichen beim RNN haben dieses Thema ebenfalls aufgegriffen. Da die betreffende Linie 650 jedoch auch im Landkreis Alzey-Worms verkehrt, gilt es hier noch entsprechende Überzeugungsarbeit zur Finanzierung dieser Frühfahrten zu leisten. 

Wir bleiben bei im Gespräch, denn das Thema ist aus meiner Sicht sehr wichtig. Es hilft nichts, wenn man nur werktags mit dem Bus zum Schichtdienst kommt und am Wochenende doch das Auto benötigt. Die Idee soll ja sein, dass man auf den Zweitwagen oder, für einige, sogar komplett auf ein Auto verzichten könnte.

Angenommen, diese Frühfahrten würden noch ergänzt, wären dann die Ziele Deiner Petition komplett erreicht?

Leider nicht. Eine Forderung war ja noch die Anpassung der Tarife. Noch immer ist nicht verständlich, dass eine Fahrt von Klein-Winternheim nach Mainz mehr kostet als eine Fahrt von Hochheim, Wiesbaden oder auch Ingelheim-Wackernheim und Zornheim. Auch das Zusammenspiel zwischen RNN und RMV ist mehr geprägt von politischen Konstellationen statt von praktischen und kundenfreundlichen Überlegungen.

Hier habe ich allerdings keine Hoffnung, dass sich das bis 2022 ändert. Wir müssen den Druck auf diesen Forderungen aufrecht halten, insbesondere auch in Richtung der Landesregierung. Die Kommunen und Landkreise werden das nicht allein bewältigen können, zumal die hier vorgestellten Maßnahmen bereits erhebliche Mehrkosten für den Kreis verursachen.

Wie sieht es denn im Umland, außerhalb von Klein-Winternheim, Ober-Olm und Essenheim, aus?

In den anderen „Umlandgemeinden“ wird es ebenfalls einige neue Verbindungen geben. Interessanterweise werden diese künftig fast komplett von der Mainzer Mobilität bedient. Vier Linien davon fahren künftig bis nach Ingelheim.

Das sieht wie folgt aus:

MVG-Linien

54: Klein-Winternheim (Bahnhof) – Ober-Olm – Lerchenberg – Innenstadt – Ginsheim

55: Klein-Winternheim (Bahnhof) – QuellbornGewerbegebiet – Lerchenberg – Universität – Innenstadt – Kastel

56: IngelheimWackernheim – Finthen – Innenstadt – Ginsheim

61: *neu* IngelheimHeidesheimBudenheim Parkallee (Golfplatz) – Mombach – Innenstadt – Laubenheim

66: Nieder-OlmZornheim – Ebersheim – Innenstadt

67: Zornheim – Ebersheim – Innenstadt

68: Budenheim – Gonsenheim – Innenstadt – Hochheim

73: *neu* IngelheimHeidesheimSchloss Waldthausen – Gonsenheim – Innenstadt

74: *neu* BodenheimLörzweilerHarxheim/Gau-Bischofsheim – Hechtsheim – Innenstadt – Wiesbaden 

91: Wackernheim – Innenstadt – Ginsheim (Nachtverkehr)

Kreis-Linien

653: Nieder-OlmEssenheimOber-OlmKlein-Winternheim – Pariser Tor – Schillerplatz – Hbf

650: Undenheim – SörgenlochNieder-OlmKlein-Winternheim – Pariser Tor – Unimedizin – Hbf

Interessant, dass ausgerechnet die Linie 653, zum Teil die ehemalige 55, von Landkreis betrieben wird und nicht von der MVG

(Schmunzelt) Ja, genau das hat mich im Frühjahr auch beschäftigt. Gerade für Klein-Winternheim ist es die wichtigste Linie, gleiches gilt für den Landkreis, da es aufgrund der hohen zu erwartenden Fahrgastzahl eine der wirtschaftlichsten Linien sein wird.

Dass die Linie künftig, gerade auch im Anbetracht der geplanten Kommunalisierung, vom Kreis gefahren wird, ist aber nicht unbedingt ein Nachteil und hat in Bezug auf die Taktung keine Auswirkung. Allerdings hatte ich Bedenken bzgl. der Kommunikation mangels Einbindung ins „Mainzer Stadtbusnetz“. Hier geht es viel um Wahrnehmung und Akzeptanz.

Dazu habe ich einen pragmatischen Lösungsvorschlag, den wir in den nächsten Wochen mit den verantwortlichen besprechen möchten:

Die Linie 653 kann nämlich vom Kreis betrieben und trotzdem fester Bestandteil des Mainzer Stadtbusnetzes sein. Das gibt es heute schon, beispielsweise wird die Linie 72 komplett vom Landkreis Groß-Gerau betrieben.

Daher sollte sie, vom LK Mainz-Bingen betrieben werden, eine „attraktivere“ Liniennummer bekommen, z.B. die noch verfügbare „77“, und in allen (Liniennetz-)Plänen, Apps und Kommunikationsmedien der MVG fest verankert werden.

Aus Kundensicht würde das zu einer konsistenten Wahrnehmung führen und alle Interessen würden gewahrt bleiben.

Letzte Frage, Du hattest es gerade erwähnt: Stichwort „Kommunalisierung“. Was hat es damit auf sich?

„Kommunalisierung“ bedeutet, dass der Landkreis in Eigenregie den ÖPNV betreibt, so wie es auch in Mainz der Fall ist. Es wird eine kommunale Betriebsgesellschaft gegründet, die die Fahrzeuge anschafft, die Fahrer anstellt und einen Betriebshof errichtet. 

Abgesehen von den zunächst etwas höheren Kosten für den Kreis hat es für die Attraktivität des ÖPNV fast ausschließlich Vorteile: Der Betrieb wäre wesentlich flexibler, auch Änderungen und Anpassungen wären deutlich einfacher. Der geringere wirtschaftliche Erfolgszwang ermöglicht attraktivere Bedingungen für z.B. die Fahrer und auch einen größeren Einfluss bei der Auswahl der Fahrzeuge. Umweltaspekte und auch alternative Verkehrsmittel sind denkbar.

Gerade erst im Dezember haben die Kreistage von Mainz-Bingen und Bad Kreuznach den Weg für die weitere Planung zu einem gemeinsamen Betrieb frei gemacht. Die große Herausforderung ist nun die kurze Frist bis zum Frühjahr 2022, wenn der Betrieb an den Start gehen soll.

Vielen Dank für diese ausführlichen Einblicke. Bei dem was hier passiert, wird sicherlich der ein oder andere darüber nachdenken, das Auto künftig in der Garage zu lassen.

Sehr gerne. Davon bin ich auch überzeugt!

Das Gespräch führte Marc Deutsch.

Kommentare sind geschlossen.